Montag, 7. März 2011
Welchen Wert hat eine Beziehung (noch)?
Diese Frage laut auszusprechen ist schon dumm. Oder nicht? Liebe muss doch keinen Wert haben, Liebe ist immer etwas einzigartiges, zwischen zwei oder mehr Individuen. Sie ist unvergleichbar und schon deshalb nicht in Wertmaßstäben verifizierbar. Aaaaber meine Beziehung hat doch eine Bedeutung/ einen persönlichen Wert für mich. Selbst wenn der individuell, nicht vergleichbar zu anderen, ist. Ich entscheide doch z.B. wann die Umstände einer Beziehung so untragbar sind, dass ich die Partnerschaft nicht mehr aufrecht erhalten kann oder will. Es also "keinen Wert" hat weiterzumachen.
Wie mache ich das?
Wie bestimme ich ein Maß, ab dem es sinnvoller ist die Beziehung zu beenden? Ich muss dann doch irgendwie zwei oder mehr Emotionen gegeneinander abwiegen, z.B. Frustration gegen Zuneigung, Enttäuschung gegen Vertrautheit, Verletzung gegen Liebe. Dazu brauche ich doch qualitative Kriterien (welches meiner Gefühle hat für mich welchen Wert im Vergleich zu einem anderen) und quantitative Maßstäbe (wie viele offene Zahnpastertuben sind nötig um eine Emotion, z.B. Harmonie, in eine andere zu wandeln, z.B. Verärgerung? ). Ich will gar nicht lange nach einer Antwort darauf suchen, das scheint mir auch fast nicht möglich zu sein. Aber es muss doch solche Mechanismen in uns geben, ganz egal wie sie genau aussehen, stimmt`s?
Diese Mechanismen sind dann doch auch für alle unsere Beziehungsentscheidungen verantwortlich. Was genau muss dann Gegeben sein damit sich eine Beziehung für mich lohnt? Also einen individuellen Wert für mich hat der höher einzustufen ist, als der Wert des allein seins und des "so weiter lebens wie bisher".
Was macht eine Beziehung dann aus? Was gibt sie uns, was uns jetzt fehlt? Wonach suchen wir?

Früher scheint mir das einfacher gewesen zu sein, oder? In der Generation meiner Großeltern, vielleicht sogar Eltern, suchte die "klassische" Frau einen materiellen Versorger und der "klassische" Mann eine emotionale Versorgerin. O.K. das ist jetzt zu pauschal, aber sagen wir wichtig war strukturelle Sicherheit, Stabilität und Statusgewin. Was ist heute wichtig?
Materielle Sicherheit gibt es nicht mehr, weil selbst der oder die Topmanager/in morgen schon auf der Straße sitzen kann. Emotionale Sicherheit gibt es auch nicht mehr, weil wir in der pluralistischen Gesellschaft mit so vielen wechselnden Trends und Lebensmodellen konfrontiert werden, dass wir uns ständig anpassen, weiterentwickeln und umentscheiden müssen. Und Status ist zwar alles was noch übrig bleibt, aber keine Grundlage für das persönliche Beziehungsglück, das ist soweit klar.
Wenn Stabilität in meinem ganzen Leben also nur temporär vorhanden ist (was insich schon ein Widerspruch ist) und eine Beziehung demnach auch nur eine temporäre Sicherheit/ Beständidkeit bieten kann (ich sage nicht "muss"), lohnt sich der ganze Aufwand um eine Beziehung dann überhaupt noch? Lohnt es sich den Schwiegereltern vorzustellen? Lohnt es zusammen zu ziehen? Lohnt es Erwartungen abzugleichen? Zu streiten? Gemeinsame Pläne zu machen?

Anders gesagt, mein Opa hat sich damals vermutlich nur ein, maximal zwei, Autos in seinem Leben gekauft. So wie wir heute z.B. nur ein Haus in unserem Leben kaufen und dabei überlegen, ob das Domizil allen Anforderungen unseres weiteren Lebens stand halten kann: ein großes Wohnzimmer für die Partys in den nächsten Jahren, das Kinderzimmer für später mal, den Stellplatz für das zweite Auto, falls Mutti irgendwann wieder arbeiten möchte, den Garten für die Rente und letztlich der barrierefreie Zugang und das seniorengerechte Bad. Ich würde bei jedem Objekt mein gesamtes, zukünftiges Leben gedanklich abspuhlen und danach entscheiden. Wenn ich mir aber heute ein Auto kaufe entscheide ich im hier und jetzt. Brauche ich gerade einen Familienwagen, einen Statusauto um zu gefallen oder eine spritsparende Lösung um zur Arbeit zu kommen.

Ich bin über 30 und natürlich geneigt eine Beziehung eher als Hauskauf zu verstehen. Immerhin stehen jetzt ja auch wichtige Lebensentscheidungen an. Ich verstehe aber, dass es keinen Sinn macht, nach Sicherheiten und Verbindlichkeiten zu suchen, die mir keiner (auch ich selbst nicht) bieten kann (danke sturmfrau). Die in der heutigen Zeit vielleicht auch nicht mehr möglich oder zumindest weniger selbstverständlich sind. Und es fällt mir so schwer das zu akzeptieren.
Natürlich macht es die Sache einfacher, mir nicht mehr die Frage zu stellen ob eine potenzielle Partnerin denn auch als Mutter meiner Kinder in Frage käme. Oder andere Statuskriterien als Entscheidungsgrundlage heranzuziehen anstatt den eigenen Gefühlen zu trauen. Wirklich, das entlastet die Sache doch sehr. Aber geht ohne den Anspruch auf Beständigkeit nicht auch viel an Beziehungsqualität, an Wertigkeit, verloren? Wird eine Partnerschaft damit nicht beliebiger? Und ist sie das denn im Grunde nicht auch?

Schlimmer noch: Wo fängt das an und wo hört es auf? Suche ich mir eine Partnerin erstmal nur mit Blick auf die nächsten Jahre, und dann schauen wir mal? Oder ist dann auch die "Beziehung" für eine Nacht erstmal genug und danach schauen wir mal? Vielleicht klingen diese Fragen dramatischer als die ganze Sache eigentlich ist.

Aber ich glaube, dass das eine Auto das mein Opa sich in 35 Jahren gekauft hat ihm mehr bedeutet, als mir selbst mein mittlerweile drittes Auto heute wert ist.
Und besteht nicht die Gafahr, dass es sich mit unseren Beziehungen ähnlich verhält?

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